Quelle: LHM PLAN, Fotograf: Edward Beierle

Quelle: LHM PLAN, Fotograf: Edward Beierle

Quelle: LHM PLAN, Fotograf: Edward Beierle

Quelle: LHM PLAN, Fotograf: Edward Beierle

Nordhaide

Heidespaziergang oder Einkaufsbummel? Zum Hip-Hop im Kindertreff am Wiesenanger oder zum Tauschring ins Bewohnerzentrum am Schneeheideanger? Schach spielen an der „Diagonale“ oder Schafe zählen auf der Panzerwiese? Seit im Jahr 2004 die ersten Bewohnerinnen und Bewohner auf die Großbaustelle im äußersten Münchner Norden zogen, hat sich hier ein lebendiges Stadtquartier mit mehr als 5.500 Einwohnerinnen und Einwohnern und vielseitigem Freizeitangebot entwickelt. Wo einst Panzer über die Wiese ratterten, rollen jetzt Skateboards und Fahrräder.

Das Leben in der neu entstandenen Wohnsiedlung „Nordhaide“ spielt sich tatsächlich nicht nur in den rund 2.500 Wohnungen ab, sondern zu einem großen Teil auch draußen. Dabei passiert weniger auf der sprichwörtlichen Straße – die Nordhaide ist verkehrsminimierte Zone –, aber dafür umso mehr auf den Spielplätzen, in den Angern, Heidegärten und auf den Terrassen. Das neue Viertel ist besonders bei Familien beliebt, fast ein Drittel aller „Nordhaidlerinnen und Nordhaidler“ ist unter 18 Jahren alt.

Eine möglichst eigenständige Siedlung, ein „Quartier der kurzen Wege“ wollten die Planerinnen und Planer der Stadt auf dem Gelände des ehemaligen Truppenübungsplatzes Panzerwiese gestalten. Auch nach Abzug der Soldaten im Jahr 1990 blieb das Areal also „Pionierfläche“. Erstmals in München wurde ein Gebiet unter den rechtlichen und planerischen Prämissen einer Städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme umgestaltet.

1994 kaufte die Stadt die Panzerwiese von der Bundesrepublik Deutschland. Zuvor hatte sie ein ökologisches und städtebauliches Gutachten erstellt. Die Heidelandschaft auf der Panzerwiese ist europaweit einmalig. Deshalb wurde im Ergebnis der Studie auch nur ein kleiner Teil der 200 Hektar großen Fläche für die neue Wohnsiedlung ausgewählt. Das neue Quartier Nordhaide entstand auf 30 Hektar im Südwesten der Panzerwiese. Die besonders schützenswerten Heideflächen mit ihren seltenen Kalkmagerrasen stehen seit 2002 unter Naturschutz. Im Gegensatz zu norddeutschen Sandheiden bestimmen hier Gräser und Kräuter das Landschaftsbild. Wer Vergleichbares sucht, findet erst in den Steppen der Tundra im nördlichen Polarkreis eine ähnliche Vegetation.

Am Rande der „bayerischen Tundra“ mit ihren Golddisteln, Frauenmantel- Gewächsen, Felsennelken und Graslilien rückten ab 1999 die Baufahrzeuge an. Ein Jahr zuvor waren die Grundstücke an insgesamt 17 Bauträgerinnen und Bauträger – Wohnungsgenossenschaften und private Investorinnen und Investoren – vergeben worden. Aus den Verkaufserlösen konnten alle öffentlichen Erschließungsanlagen, also Straßen und Grünflächen, und die soziale Infrastruktur in städtischer Trägerschaft finanziert werden. Im Jahr 2011 wurden die Bauarbeiten weitestgehend abgeschlossen. Geplant ist ab dem Jahr 2013 noch die Errichtung eines Berufsschulzentrums mit einer öffentlichen Sporthalle.

Obwohl die Nordhaidlerinnen und Nordhaidler im wahrsten Sinne des Wortes auf der grünen Wiese wohnen, ist hier keine klassische Einfamilienhaus-Siedlung am Stadtrand entstanden. Singles und Großfamilien, Mieterinnen und Mieter, Eigentümerinnen und Eigentümer wohnen hier gemeinsam in einem Viertel. Mehr als ein Drittel des Wohnraums sind öffentlich geförderte Mietwohnungen, darüber hinaus wurde ein weiteres Drittel der Wohnungen über das sogenannte „München Modell“ an Haushalte mit mittlerem Einkommen zu gesonderten Konditionen vergeben.

Außerdem zählen zu den temporären Bewohnerinnen und Bewohnern des Viertels auch die Studierenden, die ihr Quartier in einer der 550 Unterkünfte im neu errichteten Studentenwohnheim am Felsennelkenanger bezogen haben.

Eine wichtige Rolle im Quartiersleben spielt die Bewohnergemeinschaft Nordhaide e. V. Seit 2005 engagieren sich Anwohnerinnen und Anwohner hier ehrenamtlich für ihre Nachbarschaft. Der Verein veranstaltet zum Beispiel regelmäßig Feste, organisiert Aufräumaktionen, informiert vier Mal im Jahr in den kostenfreien „DiNo-News“ über Termine und berichtet aus dem Alltagsleben im Quartier. Die Bewohnergemeinschaft ist dabei auch Vermittler im nachbarschaftlichen Zusammenleben verschiedener Kulturen – ein großer Anteil der Bewohnerschaft hat einen Migrationshintergrund – und initiiert gemeinsame Treffs, Wanderungen und Mountainbike-Touren.

Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2011 sind 90 Prozent aller Befragten zufrieden mit ihrer Wohnsituation in der Nordhaide. An dieser positiven Wahrnehmung haben vor allem die Menschen im Viertel selbst großen Anteil. Geschätzt werden von den Bewohnerinnen und Bewohnern vor allem die Nachbarschaft, die sichere und kinderfreundliche Atmosphäre, die soziale Infrastruktur und die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Eine Viertelstunde fährt die U-Bahn von der Nordhaide in die Münchner Innenstadt. Der U-Bahnhof Dülferstraße befindet sich direkt am lebendigen Nordhaideplatz vor dem Einkaufszentrum MIRA. Besondere Aufmerksamkeit zieht hier ein Brunnen auf sich, den der Künstler Alexander Laner gestaltet hat. Ein bewegtes Wasserspiel durchzieht das flache Becken und lädt Kinder zum Spielen ein. Hier beginnt auch die 500 Meter lange „Diagonale“, der zentrale Fuß- und Radweg, der das Shoppingcenter mit dem mehrfach ausgzeichneten Dominikuszentrum, einem wichtigen kulturellen und spirituellen Dreh- und Angelpunkt des Viertels, verbindet. Von der Diagonale aus führen auch die nach Gewächsen der umgebenden Heidelandschaft benannten Anger zu beiden Seiten ins Wohngebiet. Die Diagonale ist allerdings weit mehr als nur der Hauptverkehrsweg im Viertel – sie ist Treffpunkt und Spielplatz, Laufsteg und Rennbahn, die „Lebensader“ der Nordhaide.

Das planerische Konzept für die Siedlung wurde von den Architekten Hans Engel und Herbert Jötten sowie der Landschaftsarchitektin Bü Prechter entwickelt. Die von Nord nach Süd verlaufende Zeilenbebauung führt die Heide tief in das Wohngebiet hinein. Immer wieder gibt es den direkten Blick in die Landschaft – die dreigeschossige Bebauung bildet dabei den Blickhorizont. Die dazwischen liegenden „Türme“ mit ihren sieben Stockwerken gliedern und strukturieren zusätzlich. Die neue Bebauung schließt mit einem klaren Ortsrand zur Heide ab. Von vielen Balkonen aus erschließt sich hier der Blick in die Weite der Landschaft, wo vielleicht der Panzerwiesenschäfer gerade wieder seine Herde über die Wiesen führt.

Oder aber der Blick verweilt an der venezianischen Gondel, die die Künstlergruppe „das änderungsatelier“ neben weiteren, an Venedig erinnernden Artefakten im Auftrag der Stadt am Nordende des Frauenmantelangers aufgestellt hat. Warum nicht beim Anblick der Heide vom Meer träumen – ein wenig muten die Anger in der Nordhaide ja vielleicht wie die Kanäle der Lagunenstadt an? So wird die bayerische Tundra zum südländischen Traumort, über dem ab und an Turmfalken kreisen und Feldlerchen singen.

Quelle:
Landeshauptstadt München
Referat für Stadtplanung und Bauordnung